Heimat ist …
Vor einer Weile bin ich wieder einmal auf Max Frischs „Fragebogen“ gestoßen, in die Fragen gesammelt wurden, die er in seinen Tagebüchern aufgeschrieben hatte, um sie mit den Leuten um sich herum zu diskutieren. Wie es so kommt, hatte ich mich in letzter Zeit mit meinen eigenen Leuten über Heimat unterhalten und so kam ein...
or einer Weile bin ich wieder einmal auf Max Frischs „Fragebogen“ gestoßen, in die Fragen gesammelt wurden, die er in seinen Tagebüchern aufgeschrieben hatte, um sie mit den Leuten um sich herum zu diskutieren. Wie es so kommt, hatte ich mich in letzter Zeit mit meinen eigenen Leuten über Heimat unterhalten und so kam ein Fragebogen zu dieser Zeit gerade passend. Den Anfang verwende ich hier.
- Frage: Wenn Sie sich in der Fremde aufhalten und Landsleute treffen: Befällt Sie dann Heimweh oder dann gerade nicht?
Weder noch, würde ich sagen. Ich im Ausland (und darauf scheint die Frage hinzuzielen) selten ohne Landsleute unterwegs war. Es war mir eher unangenehm, damit konfrontiert zur werden, dass noch andere aus meiner Gegend dort unterwegs waren: „Oh nein — da spricht jemand deutsch! Hoffentlich bemerken sie mich nicht.“
- Frage: Hat Heimat für Sie eine Flagge?
Nein. Nichtmal, wenn ich mich für Fussball interessieren würde und ich interessiere mich nicht für Fußball.
- Frage: Worauf könnten Sie eher verzichten:
a. auf Heimat
b. auf Vaterland
c. auf die Fremde
„Vaterland“. Ich mochte den Begriff nie, möglicherweise habe ich ihn auch nicht verstanden und ich empfinde vor allem Widerwillen bei dem Gedanken an ihn. Ich weiß, wer mein Vater ist und ich habe einige stichhaltige Beweise dafür, um mit Sicherheit eines zu sagen: Er ist kein Land.
Interessante finde ich die nächste Frage und das soll auch die letzte der 25 Fragen sein, mit denen ich uns behelligen möchte:
- Frage: Was bezeichnen Sie als Heimat?
a. ein Dorf
b. eine Stadt oder ein Quartier darin
c. einen Sprachraum
d. einen Erdteil
e. eine Wohnung
Ich stamme aus einem Dorf und habe dort einen großen Teil meiner Kindheit verbracht, die bei all meiner Tendenz zur Außenseiterrolle sicher und behütet war. Ich lebe in Bielefeld und in einem Quartier dort, ich verbringen mein Leben weitgehend im deutschen Sprachraum und sicher gehöre ich dort ebenso dazu wie ich nicht leugnen kann, in Europa zu leben und eine Wohnung zu haben, in der ich mich zuhause fühle. Aber ist das Heimat für mich?
Ich habe mich an verschiedenen Zeitpunkten meines Lebens als Hüllhorster und sogar als Oberbauerschafter bezeichnet, ich bin sicher Bielefelder und ich hasse es, wenn in meinem Stadtteil die beschissenen Nazis auftauchen. Meine winzige Wohnung ist trotz des kritisierbaren Zustand des Gebäudes ok, da fühle ich mich aufgehoben und die Miete ist günstig. Eine andere Bleibe zu beziehen würde mir hingegen nicht schwerfallen.
Solange ich nicht weit weg muss.
Weil ich sonst meine Heimat verliere.
Es ist nicht die Wohnung oder eine andere der Antworten von a bis e, die ich nicht verlassen mag und bei der mir der schon der Gedanke daran weh tut. Es ist nicht die alten Hörsäle der Uni, es sind nicht die alten Wege nach Hause, irgendein Essen, Lieder oder Orte, keine Gebäude und keine Lieder, die sich nach zuhause anfühlen. Es ist nicht meine alte Schule, nicht der Anblick meines alten Elternhauses. Es sind nicht die durch strengen Bierdeckeleinsatz gepflegten Theken meiner beiden Stammkneipen und ganz sicher kein Hocker, kein Sessel in meinem Lieblingscafé, nicht das Rumsitzen auf dem sonnenwarmen, aber immer noch harten Pflaster des Siegfriedplatzes. Gruppierungen zugerechnet zu werden, das mag ich schon gar nicht.
Heimat besteht für mich aus Menschen. Das habe ich gelernt, bitter gelernt. Wenn auf dem Platz niemand ist, den ich kenne und mag, ist das nur eine Koordinate auf der Landkarte. Wenn ich auf das Stemweder Festival gehe und niemand sehe, den ich damit verbinde, dann fühle ich mich fremd. Wenn in meiner Lieblingskneipe, dem Club von früher niemand mehr arbeitet, dem ich vertraue, mich niemand mehr begrüßt, dann ist es nur noch ein Gebäude für mich. Diese Leute müssen nicht ständig anwesend sein: Es reicht, wenn sie nicht für immer weg sind. Wenn ich sie mit etwas oder einem Ort verbinden kann, muss ich sie nicht sehen. Aber ich muss es wissen, ich muss es fühlen.
„Bei dir fühle ich mich zuhause, egal wo wir sind.“
Nationen, Landstriche, Sprache — das ist alles nicht so wichtig für mich.
Heimat — für mich besteht die aus Menschen, die mir etwas bedeuten.
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