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Diskussionen: Erklär mir doch mal deine Welt

Wann hat das eigentlich aufgehört, dass sich Menschen gepflegt in Diskussionen behaken konnten und danach gemeinsam ein Bier getrunken haben? Ich habe so eine leise Ahnung, dass es irgendwie mit der heillosen Debatte um Geflüchtete, mit Corona und überhaupt mit den Dauerkrisen zu tun hat. Ich denke allerdings auch, dass einen ganzen Batzen die glitzernde...

Henning Uhle
Sep 28, 20263 min read

ann hat das eigentlich aufgehört, dass sich Menschen gepflegt in Diskussionen behaken konnten und danach gemeinsam ein Bier getrunken haben? Ich habe so eine leise Ahnung, dass es irgendwie mit der heillosen Debatte um Geflüchtete, mit Corona und überhaupt mit den Dauerkrisen zu tun hat. Ich denke allerdings auch, dass einen ganzen Batzen die glitzernde und schreiende Welt von Social Media dazu beigetragen hat. Leute, wir müssen da echt wieder raus aus dieser Spirale.

Wann haben wir die Diskussionen vergessen?

Kennt ihr das? „Mit Rechten redet man nicht“ versus „Mit Linken redet man nicht“. Oder man blockiert Menschen, die irgendwas auf irgendeiner dieser Plattformen mit „Gefällt mir“ markiert haben, ohne je irgendein Wort mit ihnen gewechselt zu haben. Ich hatte ja erst neulich davon geschrieben, wie verflucht schwer es werden wird mit dem Verzeihen. Aber wir müssen halt irgendwann mal damit anfangen. Und der erste Schritt wäre ja, aufeinander zuzugehen.

Ich erinnere mich an ausschweifende Grillfeste meiner Familie in meiner Kindheit. Was haben die Erwachsenen da alles an Diskussionen gehabt! Soweit ich mich erinnern kann, waren bei vielleicht 10 Erwachsenen dann eben auch 10 unterschiedliche Standpunkte. Und darüber wurde stundenlang diskutiert. Keine Ahnung mehr, wie die Diskussionen damals immer anfingen. Aber das gehörte bei uns förmlich mit dazu. Ohne sie wäre meine Familie nicht so geworden.

Aber wann hat das in der Gesellschaft aufgehört? Nur weil jemand zu irgendeinem x-beliebigen Thema eine andere Meinung hat als ich, ist mein Gegenüber doch nicht gleich ein schlechter Mensch. Wann haben wir nur damit angefangen, all diese für die Gesellschaft so wichtigen Debatten sein zu lassen? Heutzutage ist man ja unfassbar mit dem Vorwurf, einen Debattierclub gründen zu wollen, konfrontiert, wenn man mal bei einem Thema ein bisschen nachbohrt. Das ist einfach zum Kotzen.

Erklär mir doch mal deine Welt!

Meine Güte, wie oft liest man auf irgendeiner Webseite oder Plattform oder hört man irgendwo den Satzanfang „Also in meiner Welt…“? Alter, dann mach doch mal den Mund auf und erklär sie mir, deine Welt. Da gibt es diesen anonymen Rant-Blog. Die Macher geifern sich immer mal wieder über diverse Blogs – auch meinen – aus, ohne zu erklären, was die eigentlich so stört. Wenn mir niemand seinen Standpunkt begreiflich macht, wie soll ich dann verstehen, was mein Gegenüber umtreibt?

Es macht doch in einer entwickelten Gesellschaft wie unserer nichts, anderer Meinung zu sein. Dafür wurden Diskussionen mal erfunden, wenn man so will. Man muss da nicht mit Mistgabeln aufeinander losgehen. Manchmal reicht es auch schon, wenn man dem Gegenüber sagt, dass man es anders sieht und auch erklären kann, warum das so ist. Das müssen wir doch aushalten können, Herrschaftzeiten. Insofern habe ich bei jedem Satz in Petras Artikel genickt.

Ich habe irgendwann mal sehr plakativ hier im Blog geschrieben, dass mir jeder Nazi lieber ist, der mir seinen Standpunkt erklären kann, als ein Linksextremer, der einfach nur dagegen ist. Ja, es war plakativ. Aber es ist genau das, was ich meine: Einfach nur gegen irgendwas zu sein, ohne den Grund zu erklären, ist armselig. Wer eine Meinung hat und dann seinen Standpunkt auch vertreten und erklären kann, den kann man zumindest vom Gegenteil zu überzeugen versuchen.

Ich würde das mit dem Nazi und dem Linksextremisten heutzutage vielleicht nicht mehr so schreiben. Dennoch bleibt der Kern am Ende doch richtig: Du erklärst mir deine Welt, ich erklär dir meine. Und wer weiß, vielleicht sind die beiden Welten gar nicht so unterschiedlich, wir gucken nur anders darauf. Vielleicht kriegen wir die Gesellschaft dann ja auch wieder auf die Kette. Führt Diskussionen, redet miteinander, aber rauft euch wieder zusammen und stoßt am Ende mit irgendwas an. Das kann doch nicht so schwer sein, oder?

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