Tag 15: Wittenberg – Leipzig
Zwischen Bitterfeld und Leipzig haben wir sie gefunden, die blühenden Landschaften, die Helmut Kohl damals versprochen hat. Bitterfeld und seine Umgebung war vor der Wende ein Zentrum des Braunkohletagbaus, davor auch schon Industriestadt. Bevor die DDR unterging "erfreute" sich die Stadt des Titels "dreckigste Stadt Europas", ein Titel, auf den sie aber nicht allein Anspruch...
wischen Bitterfeld und Leipzig haben wir sie gefunden, die blühenden Landschaften, die Helmut Kohl damals versprochen hat. Bitterfeld und seine Umgebung war vor der Wende ein Zentrum des Braunkohletagbaus, davor auch schon Industriestadt. Bevor die DDR unterging “erfreute” sich die Stadt des Titels “dreckigste Stadt Europas”, ein Titel, auf den sie aber nicht allein Anspruch erheben konnte, auch das polnische Katovice hatte da starke Ambitionen und wahrscheinlich noch Dutzende andere. Mit der Wende war Braunkohle dann ziemlich passé. Manche Ewiggestrige haben das bis heute noch nicht ganz kapiert, vgl. Hambacher Forst vor ein paar Jahren, aber schon in den 80ern war jede Tonne Braunkohle, die im Boden verbleibt, ein Gewinn für die Umwelt, umso mehr gilt das natürlich heute. Reihenweise wurden in den frühen 1990er Jahren die Tagebaue der Gegend geschlossen, und das was davon geblieben ist, trägt den schönen Namen “Tagebaurestlochseen”. Um genau solche handelt es sich: die Löcher, die der Tagebau hinterlässt, werden oft mit Wasser geflutet, was einfacher klingt als es ist. Man kann nicht einfach warten, dass das ohnehin vorhandene Grundwasser den Job schon erledigen wird, denn die Reste des Bergbaus reagieren mit dem Wasser, was zu chemischen Cocktails führt, die eine Nutzung als Badesee o.ä. nicht erlauben. Nein, die Beseitigung der Altlasten des Braunkohletagebaus ist eine aufwändige Sache und es dauert lang bis solche ein See zum Angeln oder Baden freigegeben werden kann. Die Wasservögel warten allerdings nicht auf den Bescheid. Die Seen, an denen wir vorübergefahren sind, werden heute teilweise als Freizeitgebiet verwendet, teilweise sind sie aber auch als Naturschutzgebiet für die menschliche Nutzung gesperrt. So schnell kann es gehen: vom Decksloch zum Naturschutzgebiet in 30 Jahren.
Heute sind wir in Leipzig, einer Stadt, die für ein paar Stunden am Abend eigentlich zu gross ist und mehr Zeit verdienen würde. 600.000 Menschen leben hier, Messestadt, Bücherstadt, viel Geschichte und Kultur und Musik. Kann man alles anschauen und anhören, wenn man sich die Zeit nimmt. Wenn man die nicht hat, muss man gut wählen. Wir wählen: den Hauptbahnhof. Das ist nach der überbauten Fläche gerechnet der grösste Bahnhof Europas, nach der Zahl der Gleise einer der grössten (die Pariser Bahnhöfe und Roma Termini sind z.B. grösser). Errichtet in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ist er eine der “Kathedralen der Moderne” mit monumentaler Architektur: fast 300 Meter ist das Gebäude mit den beiden der Stadt zugewandten Eingangshallen lang, die Bahnhofshalle an sich ist schon einen Besuch wert. Um sie auf ein Bild zu kriegen, wandern wir den ganzen Fernbahnsteig 12/13 entlang bis zum Buchstaben ‘H’ und schauen auf die sechs Bögen mit je 4 ordentlich sortierten Gleisen. In die andere Richtung wirkt das ganze viel weniger ordentlich, denn Leipzig ist ein Bahnknotenpunkt, es gibt Gleise in alle Richtungen, Oberleitungen, Stellwerke und Stellwerkerln, dazwischen hitzeresistentes Grünzeug, das da eigentlich nicht hingehört. Ein Teil der Gleise verläuft übrigens unterirdisch als Durchgangsgleise, der alte Bahnhof ist nämlich ein Kopfbahnhof und somit zwar wunderschön, aber auch ziemlich unpraktisch.
Wir spazieren zum Essen quer durch die Innenstadt an den Rathäusern vorbei, die Thomaskirche hat selbstverständlich schon geschlossen, eine Konditorei noch geöffnet (wer hat eigentlich festgelegt, dass man das Dessert nach dem Hauptgang essen muss? Ausserdem: wer denkt bei einem Namen wie “Eierschecke” schon an ein Stück Torte?). Bei Auerbachs Keller sind gerade gleich zwei Nachtwächter-Führung gleichzeitig im Gange und jetzt fällt es uns auf: man darf sich den Faust und Mephisto nicht auf Burgtheaterdeutsch vorstellen, nein, der Teufel spricht sächsischen Dialekt!
Die Fotos
Die Strecke
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