Richtig Falz
Zwischen einer Sammlung von Notizzetteln und halb geleerter Weinflaschen findet man Dr. Sibbille Maröttken, Alltagsforscherin mit einem Gespür für die kleinen Katastrophen des digitalen Zeitalters. Vor ihr auf dem Tisch: eine Packung Taschentücher und eine Flasche Rotwein – die greifbaren Beweise für den neuesten Trend, den niemand geplant hat. Harald Tribbüne wollte von ihr wissen,...
Zwischen einer Sammlung von Notizzetteln und halb geleerter Weinflaschen findet man Dr. Sibbille Maröttken, Alltagsforscherin mit einem Gespür für die kleinen Katastrophen des digitalen Zeitalters. Vor ihr auf dem Tisch: eine Packung Taschentücher und eine Flasche Rotwein – die greifbaren Beweise für den neuesten Trend, den niemand geplant hat. Harald Tribbüne wollte von ihr wissen, wie man damit umgehen sollte, dass immer mehr Menschen fehlerhafte Mitteilungen von künstlichen Intelligenzen um sich werfen.
Frau Dr. Maröttken, in letzter Zeit erleben wir eine merkwürdige Welle von Irritationen. Menschen lassen sich von KIs Einladungen, Plakate und Handy-Nachrichten erstellen – und die Maschinen vertippen sich fröhlich. Eine Kita musste kürzlich ein komplett spaßbefreites Fest abhalten, weil die Einladung zum „Ernste Dank-Fest“ statt zum Erntedankfest verschickt worden war. Sie sehen darin eine Chance?
Aber sichi, Schätzelein! Das „Ernste Dank-Fest“ war der Startschuss für etwas Großes. Die Kinder saßen da in weißen Hemden, sagten sich gegenseitig förmlich „Ich danke Dir für Deine Existenz“ und aßen stumm Möhrensuppe. Die Eltern waren erst schockiert, dann begeistert. Plötzlich hatten sie ein Ritual, das wirklich zur Ruhe zwingt. Die Kita bietet das jetzt bewusst jedes Jahr an – mit Ansteckern „Ernsthaft dankbar — ohne falsche Fröhlichkeit“. Der Handel hat sofort reagiert: Es gibt inzwischen „Ernste-Dank-Fest-Boxen“ mit grauen Servietten, nüchternen Kerzen und einem Heftchen „Danksagungen ohne Smileys“. Entscheidend ist, dass man die falsche Schreibweise nicht korrigiert, sondern konsequent zu Ende denkt.
Sie wollen also, dass Unternehmen ihre Fehler vermarkten?
Ich möchte, dass sie aus ihnen Angebote machen, die einfach im Alltag umzusetzen sind. Das ist ein Unterschied.
Sie haben auch die Weihnachtszeit untersucht. Dabei soll es zu ungewöhnlichen Bestellbewegungen gekommen sein.
Und wie! Eine Bäckerei hatte auf einem KI-generierten Werbeplakat „Weihnachtsstollen“ als „Weinachtsstollen“ beworben. Die Kundschaft hielt das für eine neue regionale Spezialität und fragte nach einer Variante mit Rotweinfüllung. Eine benachbarte Weinhandlung reagierte sofort und brachte den „Stollenwein“ auf den Markt, mit einem Hauch Kohle im Abgang.
Den gibt es wirklich?
Inzwischen schon. Ursprünglich war es ein Etikettenfehler, mittlerweile wird er als Dessertwein angeboten. Noch interessanter war allerdings die Entwicklung beim „Weihnachtsmann“, der auf einem Plakat als „Weinachtsmann“ erschien. Die Leute lasen darin einen Hinweis auf einen besonders geselligen Geschenkebringer. Die Bestellungen von Wein und Taschentüchern gingen gleichermaßen durch die Decke.
Taschentücher? Warum denn Taschentücher?
Weil der Weinachtsmann angeblich so rührende Geschenke verteilt, dass selbst hartgesottene Erwachsene weinen. Ein Händler hat daraufhin das „Weinachts-Paket“ entwickelt: eine Flasche Rotwein, eine Großpackung Taschentücher und eine Grußkarte mit der Aufschrift „Frohes Weinachten – lass den Tränen freien Lauf“.
Das klingt, als würden Sie aus einem Rechtschreibfehler eine ganze Industrie machen.
Hase, genau das tut die Wirtschaft doch seit Jahrhunderten. Sie nennt es nur anders. Und für den Verbraucher ist dies eine willkommene Abwechslung im Alltag.
Wie soll der Handel generell damit umgehen?
Nicht korrigieren – kultivieren! Jede KI-Fehlschreibung ist ein neuer Feiertag im Rohzustand. Man muss nur schnell genug ein Produkt, ein Ritual und einen Hashtag daraus machen. Ich rate Unternehmen: Richten Sie eine „KI-Vertipper-Taskforce“ ein. Sobald ein neuer Fehler viral geht, innerhalb von 48 Stunden das passende Angebot launchen. Die KI liefert uns unbeabsichtigt die Trends der Zukunft. Wir müssen sie nur ernst nehmen – im besten Sinne des Ernste-Dank-Fests.
Also quasi: Irren ist künstlich, profitieren ist menschlich?
Genau. Und wer jetzt noch „Frohe Weihnachten“ korrekt schreibt, hat den Anschluss verpasst. Willkommen in der Ära der produktiven Vertipper!
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