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Richtig Falz

Zwischen einer Sammlung von Notizzetteln und halb geleerter Weinflaschen findet man Dr. Sibbille Maröttken, Alltagsforscherin mit einem Gespür für die kleinen Katastrophen des digitalen Zeitalters. Vor ihr auf dem Tisch: eine Packung Taschentücher und eine Flasche Rotwein – die greifbaren Beweise für den neuesten Trend, den niemand geplant hat. Harald Tribbüne wollte von ihr wissen,...

Ibbtown 🦋
Oct 14, 20263 min read

Zwis­chen ein­er Samm­lung von Notizzetteln und halb geleert­er Wein­flaschen find­et man Dr. Sib­bille Maröt­tken, All­t­ags­forscherin mit einem Gespür für die kleinen Katas­tro­phen des dig­i­tal­en Zeital­ters. Vor ihr auf dem Tisch: eine Pack­ung Taschen­tüch­er und eine Flasche Rotwein – die greif­baren Beweise für den neuesten Trend, den nie­mand geplant hat. Har­ald Trib­büne wollte von ihr wis­sen, wie man damit umge­hen sollte, dass immer mehr Men­schen fehler­hafte Mit­teilun­gen von kün­stlichen Intel­li­gen­zen um sich wer­fen.

Frau Dr. Maröt­tken, in let­zter Zeit erleben wir eine merk­würdi­ge Welle von Irri­ta­tio­nen. Men­schen lassen sich von KIs Ein­ladun­gen, Plakate und Handy-Nachricht­en erstellen – und die Maschi­nen ver­tip­pen sich fröh­lich. Eine Kita musste kür­zlich ein kom­plett spaßbe­fre­ites Fest abhal­ten, weil die Ein­ladung zum „Ern­ste Dank-Fest“ statt zum Erntedankfest ver­schickt wor­den war. Sie sehen darin eine Chance?

Aber sichi, Schätzelein! Das „Ern­ste Dank-Fest“ war der Startschuss für etwas Großes. Die Kinder saßen da in weißen Hem­den, sagten sich gegen­seit­ig förm­lich „Ich danke Dir für Deine Exis­tenz“ und aßen stumm Möhren­suppe. Die Eltern waren erst schock­iert, dann begeis­tert. Plöt­zlich hat­ten sie ein Rit­u­al, das wirk­lich zur Ruhe zwingt. Die Kita bietet das jet­zt bewusst jedes Jahr an – mit Ansteck­ern „Ern­sthaft dankbar — ohne falsche Fröh­lichkeit“. Der Han­del hat sofort reagiert: Es gibt inzwis­chen „Ern­ste-Dank-Fest-Box­en“ mit grauen Servi­et­ten, nüchter­nen Kerzen und einem Heftchen „Danksa­gun­gen ohne Smi­leys“. Entschei­dend ist, dass man die falsche Schreib­weise nicht kor­rigiert, son­dern kon­se­quent zu Ende denkt.

Sie wollen also, dass Unternehmen ihre Fehler ver­mark­ten?

Ich möchte, dass sie aus ihnen Ange­bote machen, die ein­fach im All­t­ag umzuset­zen sind. Das ist ein Unter­schied.

Sie haben auch die Wei­h­nacht­szeit unter­sucht. Dabei soll es zu ungewöhn­lichen Bestell­be­we­gun­gen gekom­men sein.

Und wie! Eine Bäck­erei hat­te auf einem KI-gener­ierten Wer­be­plakat „Wei­h­nachtsstollen“ als „Weinachtsstollen“ bewor­ben. Die Kund­schaft hielt das für eine neue regionale Spezial­ität und fragte nach ein­er Vari­ante mit Rotwe­in­fül­lung. Eine benach­barte Wein­hand­lung reagierte sofort und brachte den „Stol­len­wein“ auf den Markt, mit einem Hauch Kohle im Abgang.

Den gibt es wirk­lich?

Inzwis­chen schon. Ursprünglich war es ein Etiket­ten­fehler, mit­tler­weile wird er als Desser­twein ange­boten. Noch inter­es­san­ter war allerd­ings die Entwick­lung beim „Wei­h­nachts­mann“, der auf einem Plakat als „Weinachts­mann“ erschien. Die Leute lasen darin einen Hin­weis auf einen beson­ders gesel­li­gen Geschenke­bringer. Die Bestel­lun­gen von Wein und Taschen­tüch­ern gin­gen gle­icher­maßen durch die Decke.

Taschen­tüch­er? Warum denn Taschen­tüch­er?

Weil der Weinachts­mann ange­blich so rührende Geschenke verteilt, dass selb­st hart­ge­sot­tene Erwach­sene weinen. Ein Händler hat daraufhin das „Weinachts-Paket“ entwick­elt: eine Flasche Rotwein, eine Groß­pack­ung Taschen­tüch­er und eine Grußkarte mit der Auf­schrift „Fro­hes Weinacht­en – lass den Trä­nen freien Lauf“.

Das klingt, als wür­den Sie aus einem Rechtschreibfehler eine ganze Indus­trie machen.

Hase, genau das tut die Wirtschaft doch seit Jahrhun­derten. Sie nen­nt es nur anders. Und für den Ver­brauch­er ist dies eine willkommene Abwech­slung im All­t­ag.

Wie soll der Han­del generell damit umge­hen?

Nicht kor­rigieren – kul­tivieren! Jede KI-Fehlschrei­bung ist ein neuer Feiertag im Rohzu­s­tand. Man muss nur schnell genug ein Pro­dukt, ein Rit­u­al und einen Hash­tag daraus machen. Ich rate Unternehmen: Richt­en Sie eine „KI-Ver­tip­per-Task­force“ ein. Sobald ein neuer Fehler viral geht, inner­halb von 48 Stun­den das passende Ange­bot launchen. Die KI liefert uns unbe­ab­sichtigt die Trends der Zukun­ft. Wir müssen sie nur ernst nehmen – im besten Sinne des Ern­ste-Dank-Fests.

Also qua­si: Irren ist kün­stlich, prof­i­tieren ist men­schlich?

Genau. Und wer jet­zt noch „Fro­he Wei­h­nacht­en“ kor­rekt schreibt, hat den Anschluss ver­passt. Willkom­men in der Ära der pro­duk­tiv­en Ver­tip­per!

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